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Andacht im Mai 2012

 

Prophetin unserer Zeit - Dorothee Sölle

„Bin ich denn eine Prophetin? Kann ich hellsehen?“, fragen wir vielleicht zurück, wenn wir nach einer Einschätzung gefragt werden, die wir weder voraussagen noch absehen können. Hellseherische Fähigkeiten und Wahrsagerei werden Propheten und Prophetinnen gerne zugeschrieben, aber nach biblischem Verständnis zeichneten sich Propheten dadurch aus, dass sie - im Auftrag Gottes -  soziale und politische Missstände kritisierten und sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzten. Sie waren unbequem, eckten an und konfrontierten die Menschen mit Themen, die sie nicht gerne hören wollten.

Auch Dorothee Sölle steht als „Prophetin unserer Zeit“ in dieser Reihe: eine bedeutende, streitbare, evangelische Theologin, die sich zeitlebens kompromisslos dafür einsetzte, dass Theologie und christlicher Glaube auch politische Konsequenzen haben. Mit Ihrer Frömmigkeit und Ihrem unermüdlichen Engagement für Befreiung, Gerechtigkeit und Frieden hat Dorothee Sölle viele Frauen und Männer geprägt. Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter beschreibt sie als „kleine zerbrechliche Frau mit der Kraft einer feurigen Wolke“.

Jetzt, in der Zeit um Pfingsten, erinnern wir uns an das Wirken des Heiligen Geistes. Die Apostelgeschichte berichtet davon, wie die Jüngerinnen und Jünger vom Geist erfasst wurden und in ihren jeweils eigenen Sprachen ihre BeGEISTerung für die Sache Jesu zum Ausdruck brachten. Auch Dorothee Sölle war von diesem Geist erfasst und hat das Feuer der Leidenschaft weitergetragen! Sie setzte sich für Gerechtigkeit und Frieden ein und kämpfte engagiert gegen militärische und strukturelle Gewalt. Sie hat Menschen ermutigt, die Gegenwart kritisch wahrzunehmen und da, wo Ungerechtigkeit herrscht, die Stimme zu erheben und nicht zu schweigen.

Komm, heilige Geistin
erneuere die Gestalt der Erde
versöhn uns mit der Luft
die wir verpesten
versöhn uns mit dem Wasser
das wir vergiften
versöhn uns mit dem Land
das wir zubetonieren
Erneuere unsere Wünsche
und das Angesicht der Erde

Komm, Mutter des Lebens
reinige uns vom Willen zur Macht
lass uns glauben an die Versöhnung
zwischen uns und den Tieren
die wir wie Maschinen behandeln
mach uns geduldig mit allen Pflanzen
die uns zu nichts nützlich sind
gib uns Glauben an die Rettung der Bäume
dass sie nicht alle sterben
Erneuere unsern Verstand
und das Angesicht der Erde

(Dorothee Sölle, Komm, heilige Geistin ..." (Auszug),
aus: Dies.: Die Wahrheit macht euch frei, Werkausgabe Bd. 4,
Kreuz Verlag in der Verlag Herder GmbH, Freiburg/Breisgau, 2006, S.268)


Dorothee Sölle hat mit ihrem zeitgemäßen, modernen Reden von Gott und dem Glauben, mit der Kraft ihrer Sprache und ihrer leidenschaftlichen Theologie viele Menschen berührt und manchen dadurch einen neuen Zugang zu Gott ermöglicht. Sie gab dem politischen Widerstand eine spirituelle Dimension. Ihr politisches Engagement sah sie untrennbar verbunden mit ihrem Glauben. Aber Dorothee Sölle war auch eine Frau, die unbequem war, die aneckte, die ihre Meinung sagte und die provozierte – eben ein „moderne Prophetin“.

Theologisch stand sie der Befreiungstheologie Lateinamerikas sowie der Feministischen Theologie nahe. Sie ist eine der meistgelesenen theologischen Autorinnen der Gegenwart, die 2003 überraschend im Alter von 73 Jahren während einer Tagung starb. Bis heute scheiden sich an ihr die Geister: "Sie konnte weder von den Frommen noch von den Politischen, weder von den Konservativen noch von den Aufklärern ganz eingefangen werden. Sie erlaubte sich, die jeweils andere zu sein – den Frommen die Politische, den Politischen die Fromme, den Bischöfen die Kirchenstörerin und den Entkirchlichten die Kirchenliebende" (Fulbert Steffensky,  Nachwort zu einem Leben).

Als Prophetin unserer Zeit wird Dorothee Sölle weiterwirken. Lassen wir uns anstecken von ihrem Hunger nach Geist und ihrem Feuer der Leidenschaft!

Gebet

Erneuere auch unser Herz
und gib uns den Geist
der Klarheit und des Muts
denn das Gesetz des Geistes
der uns lebendig macht in Christus
hat uns befreit
von dem Gesetz der Resignation
Lehre uns die Kraft
der kleinen Leute zu spüren
und keine Angst mehr zu haben
wenn wir widersprechen

Erneuere auch unser Herz
und lass uns wieder miteinander reden
lehre uns zu teilen statt zu resignieren:
das Wasser und die Luft,
die Energie und die Vorräte
zeig uns, dass die Erde dir gehört
und darum schön ist
(aus: Dorothee Sölle, Gewöhnen will ich mich nicht)

Liedvorschläge 

Unfriede herrscht auf der Erde, eg 671, 1-3
Meine Hoffnung und meine Freude, Wortlaute Nr.78